LOST ist vorbei, und polarisiert: Manche Fans fühlen sich über den Tisch gezogen [link], andere fanden das Ende gar nicht so schlecht [link] oder sogar toll [link]. Wieder andere widmen sich der medialen Aufbereitung und Nostalgie [link]. Es fällt schwer, hier die vielbeschworene “rückhaltlose Aufklärung” zu leisten, aber wenn ich beim Einkaufen immer noch über das Ende einer Serie nachdenke, ist das meistens ein gutes Zeichen (auch dafür, dass ich die Serie noch einmal schauen werde). Hier einfach mal meine 2 Cent zur “Auflösung”, wie sie mir vorhin im ALDI durch den Kopf gingen. Andere Meinungen sind herzlich willkommen.

Ich bin kein großer Fan (insbesondere amerikanisch geprägter) religiöser Einflüsse in Mystery oder Science-Fiction-Serien, und wenn Charaktere anfangen, von ihrer Bestimmung oder den Mächten des Schicksals zu reden, krempeln sich mir gerne mal die Zehennägel hoch. Dennoch hatte ich mit dem Ende von “Lost” weitaus weniger Probleme als mit dem (meiner Meinung nach schon unentschuldbar schlechten) Finale von “Battlestar Galactica”; eher schon erinnerten mich J.J. Abrams’ letzte Folgen an Ronald D. Moores DS9, und damit kann ich ganz gut leben.
Es ist mir relativ egal, ob das Sideways-Universum eine durch eine Wasserstoffbombenexplosion hervorgerufene Parallelwelt ist, in der sich manche Charaktere irgendwann eines früheren Lebens entsinnen und transzendieren; oder ein kollektiv imaginiertes Fegefeuer, in dem Charaktere wie Faraday Mutmaßung über die quantenmechanischen Ursprünge ihrer Existenz anstellen. Was ist wahrscheinlicher: Dass man solange auf eine H-Bombe eindreschen kann, bis eine neue Wirklichkeit entsteht, oder dass es ein Leben nach dem Tode gibt? An die Beantwortung dieser Frage würden sich weitere Fragen knüpfen, etwa nach der “Echtheit” der anderen Charaktere (wie Ana Lucia oder Eloise Widmore) in dieser Welt, und ob diese Welt mit dem Weggang der “Losties” endet oder weitergeht — Fragen, die mich eigentlich ebenso wenig interessieren.
(Pseudo-)Spiritualität und (Pseudo-)Wissenschaft gingen in Lost immer fließend ineinander über; die Retro-Technik der Dharmastationen existierte reibungslos neben den mystischen Artefakten in den Fantasy-Hideouts der Anderen. Gleichzeitig lag das Hauptaugenmerk der Serie immer auf den Charakteren, und deren wortwörtlichen “Verlorenheit” (oder sollte man eingedenk der philosophischen Zitierwut der Serie gar von “Geworfenheit” sprechen?). Lost war jedenfalls immer eine Geschichte über verschiedene (Lebens-)Wirklichkeiten — ob diese nun vor, nach oder neben der Haupthandlungsebene lagen. Es gab so gesehen immer mehrere Lockes, Kates und Sawyers, je nachdem, wann, wo und wie sie gerade waren.
Dass die Fäden am Ende ausgerechnet über der Lamppost-Station, wo sich die Welten berühren, zusammengeführt wurden, während auf der Insel mit Jacks Tod und dem abhebenden Flugzeug ein Gegenbild zur ersten Folge gezeichnet wurde, machte die Sache für mich rund. Tatsächlich gelingt es Abrams, vielleicht unabsichtlich, hier weit besser und glaubhafter, einen Kreis zu schließen, als Moore in BG (wo es auf mich einfach nur gezwungen wirkte); es gibt keine “Auflösung” im eigentlichen Sinne, und vielleicht war es falsch, die Serie je mit Blick auf eine solche zu sehen. Vielmehr sollte man die wunderbaren Moment und Wirklichkeiten genießen, die sich immer wieder im Laufe der Serie auftun, von Staffel zu Staffel. Lost “endete” für mich nicht; Lost ist und war und wird irgendwann wieder sein.